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Arbeiten statt schlafen: Nachtschicht bei Audi


Von Stephan Sonntag

Im Treppenhaus riecht es plötzlich nach Farbe. Fast schon überraschend, schließlich hat bisher nichts darauf hingedeutet, dass es sich hier um eine Lackiererei handelt. Von außen ähnelt das Gebäude auf dem Audi-Betriebsgelände in Neckarsulm allen anderen. Besonders nachts. Denn es ist jetzt kurz nach 22 Uhr. Die Nachtschicht hat gerade ihre Arbeit aufgenommen. Durch ein Gewirr von Gängen und Treppen führt der Weg schließlich zum Finish-Bereich. Dort werden die fertig lackierten Karosserien auf der Zielgerade noch einmal von den Audi-Mitarbeitern kontrolliert, bevor sie die Lackiererei verlassen.

Hunderte Halogenstrahler sorgen dafür, dass die Mitte der großen, fensterlosen Halle in gleißender Helligkeit liegt. Weit hinten aus dem Dunkel der Lackierroboterwelt fahren auf zwei Bändern langsam Audi-Karosserien ins Licht. Hier drinnen bemerkt keiner, ob draußen Tag oder Nacht ist, Sonne oder Mond am Himmel stehen. Auch nicht die 15 Männer in weißen Schutzanzügen und Handschuhen, die die bunten Fahrzeug-Skelette intensiv begutachten. Ein beständiges Brummen der Klimaanlage und das Sirren der Fließbänder begleitet sie dabei. Ab und zu schalten die Männer eine der heulenden, elektrischen Polierbürsten ein. Ansonsten ist es erstaunlich ruhig. Statt Körperkraft ist bei der Arbeit vor allem Konzentration gefragt. Die Szenerie erinnert mehr an ein Labor, als an eine Autofabrik. Nur die Karosserien und der leichte Farbgeruch machen klar, worum es hier eigentlich geht.

Gruppenleiter Ahmet Dülek gleitet mit seinen Fingern über die Motorhaube eines zukünftigen Audi A5 Cabrio. Sein Blick ist konzentriert auf die metallic-blaue, spiegelglatte Oberfläche gerichtet. "So kann ich kleinste Schmutzpartikel sehen oder ertasten. Für einen Laien unmöglich", erklärt der 35-jährige Familienvater aus Neckarsulm. Seit drei Wochen arbeitet der kleine, stämmige Mann mit dem energischen Bürstenhaarschnitt in der Dauernachtschicht. "Die erste Woche war hart", verrät er, "die Umstellung schwer". Dabei hat der gelernte Lackierer Erfahrung. Seit 18 Jahren arbeitet er bei Audi, hat "alle Schichten durch", wie er sagt. Seine letzte Urlaubswoche hat er genutzt, um seinen Körper von Tag- auf Nachtbetrieb umzustellen. "Noch wichtiger ist aber, dass man sich vom Kopf her umstellt, sich wieder an den Gedanken gewöhnt, nachts zu arbeiten." Dülek mag die Nachtschicht. Weniger Trubel, weniger Personal, familiärere Atmosphäre. "In den Pausen wird mehr von sich selbst erzählt", hat er festgestellt.

Kaum erwähnt er die Pause, ertönt eine Sirene. Es ist 23.45 Uhr. Mittagspause kurz vor Mitternacht. Die Bänder bleiben stehen. Die Männer gehen in den vorderen Teil der Halle. Dort gibt es zwei Pausenräume - einen für Raucher, einen für Nichtraucher. Beide sind karg eingerichtet, beigefarbene Wände, rund 20 Tische und viermal so viele Stühle. An einer Wand prangt ein riesiges Audi-Logo, an der Längsseite stehen Metallspinde, aus denen die Männer ihr mitgebrachtes Essen holen. Einige spielen Karten.

"Das ist meine Hauptmahlzeit des Tages", sagt Ertan Pelivan. Der 40-jährige Dahenfelder ist seit elf Jahren "auf der Nachtschicht". Er spricht leise, überlegt. 1994 ist er aus der Türkei nach Deutschland gekommen. In Istanbul hat er Landwirtschaft studiert, ein Diplom in Agrarwissenschaft erworben. Eigentlich wollte er in Deutschland weiter studieren, doch es fehlte am Geld. Als in Neckarsulm die Produktion des Audi A2 startete, bewarb er sich und wurde eingestellt. Nachtschicht - von Anfang an. "Der erste Monat war hart", erinnert er sich, "ich konnte morgens nicht schlafen". Das hat sich geändert. "Heute schlafe ich, wann ich will."

Nur an den Wochenenden fällt es ihm manchmal noch schwer, auf Tagesbetrieb umzustellen. Dann rufen Familie, die Vereinsarbeit bei Türkspor Neckarsulm und seine journalistische Tätigkeit für die Tageszeitung "Türkiye". "Samstag und Sonntag habe ich volles Programm."

Montagabends geht es dann wieder zur Arbeit. Pelivan hat ein festes Ritual, kommt immer eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn, zieht sich um, trinkt einen Kaffee, liest Zeitung. "Dann bin ich locker und entspannt, kann konzentriert an die Arbeit gehen." Er will weiter Nachtschicht arbeiten, schließlich muss er eine fünfköpfige Familie ernähren, da sind die Nachtzuschläge ein hübsches Zubrot. Und noch einen Vorteil hat die nächtliche Arbeit für den gläubigen Moslem. "Der Ramadan ist für mich überhaupt kein Problem. Ich esse ohnehin fast nur nachts."

Was aussieht wie ein Science-Fiction-Filmlabor ist tatsächlich die Audi-Lackiererei. Ertan Pelivan verleiht der frisch lackierten Karosserie den letzten Glanz. (Foto: Marc Schmerbeck)
Foto von Ertan Pelivan bei der Arbeit.


Die Sirene ertönt wieder. Mitternacht ist vorbei, ebenso die Pause. Aus dem Nichtraucherraum kommt Bernd Walter. Seit 2000 hat er keine Zigarette mehr angefasst, seine Stimme klingt trozdem immer noch etwas rauchig. Abgesehen von kleinen Unterbrechungen arbeitet der Öhringer seit 13 Jahren in der Nachtschicht. "Ich bin schon immer ein Nachtmensch gewesen." Anfangs hat ihn nur gestört, dass er freitagabends nicht mehr auf Partys gehen konnte, sondern stattdessen arbeiten musste. "Aber im Laufe der Jahre wird man ruhiger. Da spielt das keine Rolle mehr." Sein Goldkettchen um den Hals ist noch Vermächtnis der wilden Zeiten. Die Lesebrille, die er lässig im noch durchgängig blonden Haar stecken hat, eine erste Alterserscheinung.

Doch der stetig verschmitzt grinsende Lackierer kennt auch die Schattenseiten der nächtlichen Arbeitszeiten. "Meine erste Ehe ist nicht zuletzt deswegen in die Brüche gegangen." Walter hat wieder geheiratet und eine dreijährige Tochter. "Meine zweite Frau hat mich schon so kennen gelernt. Die Familie muss mitspielen, sonst geht es nicht." Das bedeutet auch, dass es zuhause vormittags ruhig sein muss, damit der Nachtarbeiter schlafen kann. Walter hat in seinem Schlafzimmer extra schallgeschützte Wände. Und stören doch einmal Geräusche den Schlaf, dann "kann ich die einfach wegdrücken. Das ist alles reine Kopfsache."

Der 45-Jährige betont ohnehin lieber die Vorteile der Dauernachtschicht. Durch die freien Nachmittage könne er viel Zeit mit seiner Familie verbringen. "Und wir können zwei Mal im Jahr in Urlaub fahren." Kein Wunder, dass Walter unbedingt in der Nachtschicht bleiben will. "Es sei denn, ich gewinne im Lotto."

Die Bänder laufen inzwischen wieder. Alle sind zurück an ihrem Arbeitsplatz. Stunde um Stunde der Schicht verstreicht. Mit der Zeit verschwimmt der Blick auf die Szenerie. Durch die Reflexionen der Scheinwerfer auf den Karosserien entstehen beeindruckende Lichteffekte. Sie erinnern an die leuchtenden Tunnel, durch die Luke Skywalker in Star Wars in seinem X-Wing aus dem Todesstern flieht.

Das Schichtende naht. Trotz der vorgerückten Stunde machen die Arbeiter einen fitten Eindruck. Jeder Tagarbeiter wäre um diese Zeit hundemüde. Durch die unendlichen Weiten des Gebäudekomplexes geht es zurück nach draußen. Feierabend am frühen Morgen. Draußen ist es immer noch dunkel, aber über den Horizont blinzelt schon die Morgenröte. Der Tag beginnt. Oder endet. Je nachdem.

In den Jahren 1994 bis 2000 wurde die Lackiererei für insgesamt 300 Millionen Euro neu gebaut. Bis heute ist das die größte Einzelinvestition am Standort Neckarsulm. 2008 wurden weitere 25 Millionen Euro für Automatisierungsprojekte ausgegeben. In der Nachtschicht werden vor allem der A4, das A5 Cabriolet und der A6 lackiert. Die Arbeitsabläufe sind in der Nachtschicht genauso geregelt wie in den Tagesschichten. 200 Mitarbeiter von rund 1000 arbeiten dauerhaft nachts. Lediglich zehn Prozent davon sind Frauen.

Bericht in der Heilbronner Stimme vom 16.11.2009

 
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